Hotbed of Lifescience

http://dasistkeinblog.com/2015/03/01/einfransung/#comments

Mittlerweile will mich der Arzt schon nicht mehr sehen. Wenn er doch nicht anders kann, als mich zu begutachten, immer diese Witzchen am Anfang, ja, als ob ich es nicht begreifen würde, dass ich sein fleischgewordenes Unvermögen bin, ein Irrtum, ein Patzer in seinem ansonsten lupenreinen wissenschaftlichen CV. O.k., das vermute ich nur. Immer Terminprobleme. Zu seinem Seelenfrieden kann er auf einen dieser üblichen Zettel verweisen, den ich unterschrieben habe, auf alle Risiken hingewiesen, aufgeklärt und so weiter. Als ob das jemals jemand lesen würde.

Und dann passiert sowas, da frisst das Ding und frisst. Wovon ernährt der Wum sich eigentlich?, frage ich, dumm natürlich, ist doch klar, von Ihrem äh Darminhalt, antwortet der Arzt, und ich sitze vor dem Spiegel und sage: Im Staub sollst du kriechen und Scheiße fressen dein Leben lang. So gesehen ist es wahrscheinlicher, dass sein Kopf in meinem Darm steckt und sein Schwanz in meinem Hals, falls Würmer überhaupt so etwas wie Köpfe haben. Vermutlich nicht.

Das werde ich Eddie erzählen. Oder besser nicht, sonst lässt er mich gar nicht mehr in Ruhe. Das würde seine Suche nach Neuland nur weiter anstacheln. Jedenfalls heißt das, dass der Wurm wiederum seine Exkremente in meinem Magen hinterlässt. Davon müsste ich doch was bemerken. Muss ich das nächste Mal fragen, das wird die Stimmung gleich auflockern. Ich streichle meinen Bauch noch ein bisschen, die Knie stehen vor, ich habe Knie noch nie schön gefunden. Habe wieder abgenommen, die Masse meines Körpers zieht sich mehr und mehr im Wurm zusammen. Die Substanz konzentriert sich in dieser schmarotzenden Existenz; es ist klar, dass etwas geschehen muss.

Da wäre allerdings die Übelkeit. Wird die etwa ausgelöst durch zu hoch abgesetzte Ausscheidungsprodukte? Nein, da will ich jetzt nicht drüber nachdenken. Ich weigere mich.

Abtreibung

http://dasistkeinblog.com/2015/02/05/backspace/#comments

Die Wurmabtreibungsidee passt mir gar nicht. Ein bisschen Angst habe ich schon davor, wie das weiter gehen kann ohne meinen Kopiloten. Nicht nur karrieretechnisch, denn was das betrifft, habe ich mittlerweile schon eine gewisse kritische Masse erreicht. Es ist auch nicht die Verwandtschaft, ich meine, so eine zufällige atomare Ansammlung, die beschlossen hat, jetzt einmal ein Mensch zu sein, verläuft sich doch früher oder später in alle Richtungen und schließt sich Würmern, Seesternen oder Halbleiterbauelementen an.

Dass ich Eddie vor die Tür gesetzt habe nach ein paar unerfreulichen Episoden, bei denen es seinerseits meist darum ging, ein bisschen Frischluft zu schnappen und mich dabei trotzdem warmzuhalten, ist eine andere Geschichte, er bestreitet natürlich, dass es nur wegen meiner Einzigartigkeit, wie er sie nennt, gewesen wäre. Redet von einer tiefen, wahren Liebe, die aber die Leichtigkeit bräuchte. Selten so gelacht. Alles ganz kuschelig und händchenhaltend und freundebleibend, ganz professionell, nur weil meine Bilder einen interessanten Marktwert haben: ausnutzen lasse ich mich wirklich nicht. Auch andere Mütter haben schöne Söhne. Und Töchter auch, vielleicht erweitere ich ja meinen Horizont. Nein, was mich wirklich beunruhigt: Ich habe angefangen, mich an dieses Vieh zu gewöhnen, das da in mir haust und marodiert.

Und das kann ja wohl wirklich nicht sein.

Immunantwort

http://dasistkeinblog.com/2014/12/17/arbeitsungeeignet/comment-page-1/#comment-45

Hervor quillt: Übelkeit. Die legt sich nicht, und mir wird klar, dass der Wurm sich wieder auf den Weg macht. Schade. Die Hörner sind mir richtig ans Herz gewachsen. Ich gefalle mir. Zum ersten Mal seit langem gefalle ich mir selbst. Ich kann vor dem Spiegel sitzen und die Hörner bewundern. Dazu muss ich zwar den Kopf schräg halten, um die ungleiche Höhe der Beulen wettzumachen, doch dann sehe ich eine Widdergottheit mit einem feingliedrigen Frauenkörper und hochmittelalterlichen Brüsten. Ich könnte vor mir selbst auf die Knie fallen und mich anbeten. Um Glück bitten, das Glück zum Beispiel, dass mein Körper endlich fertig ist mit seinem Verpuppungsprozess. Worum würde ich gebeten werden wollen, wenn ich eine mildgestimmte Göttin wäre, die gerne wohltätig in den Alltag von Gläubigen wie mir eingreift, um sich noch ein wenig goldener zu fühlen? Worum gebeten wird: um Glück und Geld. Um Erfolg. Habe ich alles. Ich habe Geld, und wenn das, worin ich schwimme, nicht der Erfolg ist, was ist es dann? Ich gehe in die Knie und muss leider feststellen, dass die Widdergöttin (der goldene Leithammel) ebenso die Knie beugt. Worum bittet sie? Oder kann man auch beten, ohne zu bitten? Zu wem sie betet, ist ja wohl klar: zu mir. Und ich erhöre großzügig ihre Bitten, ist ja das Mindeste, was ich tun kann. Eddie kommt vorbei und denkt, ich hätte mich für ihn ausgezogen. Dabei habe ich ihm sein Zeug schon hingestellt, links neben die Tür! Er lächelt, und auf seiner grauen Haut leuchtet ein einziger weißer Bartstoppel. Nein, er ist blond, wie ich bei genauerer Begutachtung feststelle. Strohblond.

Ich frage mich, welche Farbe er mittlerweile haben wird, mein Wurm. Hat der Magensaft mit der Haut reagiert, wer weiß, und das Ende ist gebräunt? Die Hülle musste sich schließlich monatelang gegen Säureangriffe zur Wehr setzen, das erfordert eine gewisse Zähigkeit, und wenn nicht angeboren – was heißt hier angeboren, beim Schlüpfen mitgenommen, das Ding ist ja aus einem Ei geschlüpft, das ich höchstpersönlich verschluckt habe –, so doch erworben. Wie eine Immunantwort, und mit der Frage danach hat schließlich alles angefangen.